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  • Christine Waitz

Nicole und Heike beim Race Around Austria vom 10. - 13.08.2016


  1. Tag von St Georgen im Attergau bis zum nördlichsten Punkt der Strecke

Wieso muss der Wetterbericht immer dann recht haben, wenn er schlechtes Wetter vorhersagt?

Diese Frage stelle ich mir am morgen des 10.08 als ich das erste Mal aus dem Fenster schaute.

Es regnete in Strömen und die tief hängenden Wolken versprachen auch keine Wetterbesserung bis zum Start.

Humor ist wenn man trotzdem lacht! … und etwas anderes blieb Heike und mir eh nicht übrig.

Reinhard meinte nur so, er möchte bei dem Wetter nicht Rad fahren. Super! Ich hätte dann gerne einen neuen Ehemann!

Wir durften als erstes 2er-Team starten. Nach einem kurzen Interview auf der Startrampe ging es für mich pünktlich um 10 Uhr auf die Strecke. Fest eingepackt in Regenkleidung. Der erste Wechsel war nach ca. 90 Minuten. Mittlerweile waren wir bereits von 3 Herren-Teams überholt worden.

Das erste Team hat dabei nicht gemerkt, dass wir auf der gleichen Funkfrequenz waren und der Fahrer im Pace Car meinte zu seinem Radler „Fahr erst einmal hinter denen her, die hat auch einen netten Hinten“. Das baut natürlich bei Regen besonders auf.

Heike durfte dann durchs Mühlviertel in Richtung Donau fahren. Mittlerweile waren die Strassen trocken. Leider hielt das Wetter nicht lange, als ich wieder aufs Rad stieg, fing es schon wieder an zu tröpfeln. Allerdings eigentlich nicht so viel, dass sich meine Regensachen wirklich rentiert hätten. Ich weiß nicht, wer schon mal bergauf in Regenhose und Jacke fahren durfte. Es ist furchtbar, und ich weiß immer nicht, wo die Hersteller das Wort atmungsaktiv hernehmen.

10 Minuten später wusste ich, wieso ich die Regensachen an hatte. Es groß aus Kübeln und der eigentlich geplante Wechsel wurde spontan verschoben. Es reicht wirklich, wenn eine im Team tropfnass ist. Heike meinte nur durch den Funk: Danke!. Die Antwort: Kostet 2 Kugeln Eis und 1 Cappuchino.

Irgendwann war es dann doch so weit, Heike musste ran. Wechselpunkt war eine Bushaltestelle in der Nähe eines Bauernhofes. Die Kinder dort haben das Rennen am Tracker verfolgt und sind immer dann auf die Straße gelaufen, wenn wieder ein Team vorbeigefahren ist. Bisher war aber keines stehen geblieben und so war die Freude rießen groß - auf beiden Seiten. Mit so motivierten Fans ist nass sein gar nicht mehr so schlimm.

Unsere neuen „Fan-Freunde“ haben uns das ganze Rennen online begleitet und viele nette Nachrichten geschrieben. Der restliche Tag blieb nass, mal mehr mal weniger, und ich war froh um 10 Uhr ins Wohnmobil einsteigen zu dürfen. Ich hatte Pause bis ca. 2 Uhr.

Wermutstropfen: Die Dusche im Wohnmobil wurde nicht warm und ich musste kalt duschen. Während ich zu schlafen versuchte, lieferte sich Heike ein Rennen mit dem Team 204. Die beiden Männer hatten uns schon den ganz Tag begleitet, irgendwann waren sie dann aber doch schneller. Jetzt hielt sich Heike aber anscheinend hartnäckig und hatte so viel Spass, dass ich eine Zusatzpause von 30 Minuten bekam. Um 2:30 durfte ich dann wieder aufs Rad steigen. Diesmal auf mein Zeitfahrrad das P5. Bis auf einen fast Zusammenstoß mit einem Hasen, verliefen die nächsten 4 Stunden ohne große Vorkommnisse.

2. Tag Das Burgenland und der Millstädter See

Der zweite Tag blieb bis auf ein paar kleine Tropfen komplett trocken, dafür blies der Wind um so heftiger. Von hinten war das super und nur fliegen ist schöner. Von der Seite kommend, war das eher spassbefreit. Reinhard hatte einmal direkt über Funk gefragt, ob ich aufs Rennrad wechseln möchte, weil ich mich in extremer Seitlage gegen den Wind stemmen mußte.

Die Strecke führte uns durch viele kleine Ortschaften, vorbei am Millstädter See und an vielen Weinbergen in Richtung Graz. Wir wechselten im 40 Minuten Modus. Das Wohnmobil bekamen wir heute auch untertags zu sehen. Tanja versorgte uns mit Reiseintopf, Kartoffeln mit Speck und gut belegten Semmeln. Ein Highlight war das kurze Treffen mit dem Cousin von Thomas (unser Crewchef). Der Stand als Fan an der Strecke und versorgte uns mit frischem Marmorkuchen, viel Schokolade und Manner Waffeln.

Die Nacht war zäh. Diesmal übernahm ich die erste Schicht ab ca 11 Uhr und Heike war im Nachgang dran. Wir hatten die Strecke verkürzt, weil die Nacht sternenklar und kalt angesagt war.

Ich sollte 90 km in 3 Stunden fahren, auf einer lt. Roadbook flachen Stecke die nur einen 1 Berg mit 200 hm hatte. Ich war von Beginn an müde und es ging viel schief. Wir mussten zwei Mal das Licht tauschen und der Funk funktionierte nur bedingt. Kurzzeitig habe ich überlegt, wie es wohl ist auf dem P 5 einzuschlafen. Damit das in keinem Fall passiert, habe ich mir mein I-Phone vorne ins Trikot und in den BH gesteckt und mir von den Toten Hosen einheizen lassen. Ich glaube ansonsten hätte ich die Straße in der Dunkelheit nicht überlebt. Der angebliche kurze Berg entpuppte sich zum Killer. Insgesamt waren es ca. 600 hm - weil es ständig bergauf und wieder bergab ging und nichts unter 12 % Steigung. Bekanntlicherweise ist ein Zeitfahrrad wenig bergtauglich und so musste ich mit einigermaßen Tempo und schwerem Tritt bergauf fahren. Dabei habe ich zwei Teams überholt, die beide auf den Wechsel gewartet haben. Im Wohnmobil angekommen, war ich einfach nur erledigt. Heike durfte nun die nächsten 3 Stunden fahren. Ihr erging es ähnlich mühsam und auch sie war froh nach der Zeit wieder beim Wohnmobil zu sein. Beide haben wir in der Nacht weniger Strecke geschafft als geplant.

Tag 3 über Linz zum Felber Tauern und über den Gerlospass nach Innsbruck

Nachdem wir die Nacht mehr oder weniger hinter uns gebracht hatten, ging es ab sofort wieder zu zweit weiter. Erstmals fuhren wir auf einen Einzelstarter auf, der sich auch gerade wieder zum Start fertig machte. Ganz ehrlich - ich mach schon viele verrückte Dinge und für viele Menschen ist auch das Projekt verrückt genug, aber auf die Idee die Strecke alleine zu fahren würde ich nicht kommen!

Nach einer ca. 20 km welligen Passage ging es dann wieder bergauf und wir wechselten uns wieder um 15 Minuten Modus ab. Die letzten Aufstiegsmeter übernahm ich und Heike durfte, die Abfahrt genießen bis zur Kreuzung nach Lienz. Von dort an war die Strecke meine - bzw. die des P5. Es ging kontinuierlich leicht bergab und ich konnte richtig Speed aufnehmen. Nur fliegen ist schöner! In Lienz wartete unser Wohnmobil, an dem ich in Richtung Felbertauern nur vorbeiflog. Eigentlich stand für heute der Großglockner mit Fanmeile am Fuscher Törl auf dem Programm. Die Rennleitung hatte uns aber gestern per SMS darüber informiert, dass eine Überfahrt aufgrund schlechten Wetters und Schneefall nicht möglich ist und daher über den Felbertauern ausgewichen werden muss.

Passend dazu fing es auch wieder an zu regnen. Super, ich dachte das Wetter wird jeden Tag ein wenig besser und wärmer. Oben am Tunnel angekommen, mussten alle Fahrer und Räder ins Auto verstaut werden, da wir das Tunnelstück nicht fahren durften. Hier entstand kurzzeitig einmal eine kleine Diskussion, ob man das 1 Fahrrad nicht einfach den hinten sitzenden quer in die Hand drücken sollte um Zeit zu sparen. Komisch, dass manchmal völlig banale Kleinigkeiten zu Diskussionen führen, wenn sich langsam der Schlafentzug bemerkbar macht und das Wetter auch noch seinen Teil dazu beiträgt. Die Situation hatte sich aber schnell wieder beruhigt - nicht zuletzt durch die sehr ruhige Art von Eric und Thomas unserem Fahrer und Navigator.

Heike bot sich wieder für die Abfahrt an, was ich dankend annahm.

Im Tal angekommen, durfte ich wieder ran. Die Stimmung ging schlagartig nach oben, als plötzlich vor uns das Team No Limits auftauchte. Die Jungs waren bestimmt schon 50 km weit weg von uns. Jippiiiiieeeee!!!! Außerdem hatte ich heute 10. Hochzeitstag und diesen verbringt man doch gerne im Regen auf dem Rad und der Ehemann im Auto hinterher :-)

Die Krimmler Wasserfälle und der Gerlospass sind bei Regen auch sehenswert und vielleicht nicht ganz so überlaufen. Auf halber Strecke stand der Rest der Crew zum anfeuern.

Was wir Stunden später erst erfahren haben: Die Wohnmobil Crew hat sich nach der Abfahrt vom Gerlospass eine Kaffeepause mit Kaiserschmarrn gegönnt. Netterweise haben sie auch an uns gedacht und eine Portion für uns mit bestellt. Den wollten sie uns auf die Strecke bringen, blöd war nur, dass Heike unsere Bergabfahrspezialistin einfach zu schnell war und wir lange durch waren, bevor der Kaiserschmarrn auch nur annähernd an der Straße war.

Auf dem Weg nach Innsbruck wurde es zum ersten mal richtig „warm“ und trocken. Warm bedeutete 18 Grad Außentemperatur. Die Navigation durch Innsbruck war etwas tricky und wegen der schönen Aussicht führte uns die Strecke dann steil bergauf nach Ampass und wieder zurück nach Innsbruck. Ich dachte ich bin im falschen Film!

Hinter Innsbruck führte uns der Weg ins Kühtai und es wurde mal wieder Nacht. Dort wurden wir vom 4er Team 411 überholt und überholten selbst zwei Einzelstarter. Hier feuert wirklich jeder jeden an und hat ein paar aufmunternde Worte für den Radfahrer. Ein tolles Erlebnis!

Nach Landeck folgte die Silvretta Hochalpenstraße - Steigung bis auf die letzten km human.

Interessant waren die letzten Kilometer zum Pass, hier war es stockdunkel und man hat wirklich nur immer soweit gesehen, wie die Scheinwerfer des VW-Busses gingen. Ab und zu waren helle Punkte (Kühe) am Wegrand erkennbar. Wir Fahrerinnen hatten null Orientierung wann der Berg nun endlich zu Ende war. Endlich konnte man in der Ferne ein spärlich beleuchtetes Gebäude erkennen - das Ende des Passes. Bergab war ebenso unwirklich. Im Normalfall sieht man im Tal wenigstens ein Paar Lichter und kann eine Ortschaft vermuten. Hier ging es wirklich ins schwarze Nichts. Erst kurz vor Ende der Abfahrt tauche Bludenz vor uns auf. Wechselzeit - Heike hatte sich bergab mal wieder selbst übertroffen und durfte sich nun ausruhen. Die Passage bis zum nächsten Anstieg war meine und der kam schneller als gedacht und vor allem heftiger. Bei 16 % bergauf über 2 km bricht man keinen Geschwindigkeitsrekord. Aus dem Grund hatte ich auch Zeit der kleinen Schlange, die vor mir auf der Strasse lag noch auszuweichen und ihr nicht über den Kopf zu fahren. Der Sonnenaufgang auf dem Hochtannbergpass um 5 in der Früh entschädigt für fast alles!

Die Stimmung war auch bei uns phantastisch. Es ging bis Innsbruck nun fast nur noch bergab und das schlimmste hatten wir eh hinter uns gebracht.

Heike genoss die Abfahrt mal wieder in vollen Zügen und das Pacecar hatte mal wieder Schwierigkeiten Ihr zu folgen. Im Gegensatz zu Heike war der Autofahrer im Tal jedesmal völlig erleidigt!

4. und letzter Tag: Zurück über Innsbruck, Kufstein, Kössen, Saalfeld, Bischofshofen nach St. Georgen

Heute hatten wir endlich einmal Glück mit dem Wetter. Es war warm und sonnig und Österreich präsentierte sich von seiner schönsten Seite. Die Streckenführung war -wie auch die letzten Tage- wunderschön (wenn man den Fernpass ausblendet). Nach dem Inntal ging es von Kufstein aus rechts ab nach Walchsee und Kössen. Am Ortseingang von Kössen stand nicht nur unsere Wohnmobil Crew, sondern auch meine Eltern am Straßenrand und jubelten uns zu. Über St. Johann ging es dann in Richtung Saalfelden und von dort aus auf den Dientener Sattel. Die Strecke kannte ich schon von der Ironman 70.3 WM 2015. Damals kam ich nur aus umgekehrter Richtung. Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich habe ich die noch vor uns liegende Strecke nochmals im Kopf überschlagen und mir wurde klar, die Ankunft vor Mitternacht ist realistisch, wenn wir jetzt taktisch und schnell fahren. Kurze Rücksprache mit Heike über Funk und wir waren uns - wie fast immer in den letzten Tagen und Stunden- einig. Wir versuchen es! Jetzt gilt es - „all out“!!

Der Plan: Ich fahre den Pass bis ca. 4 km unterhalb des Sattels, Heike übernimmt dort für ca. 15 Minuten, danach wird gewechselt und ich fahre die Reststrecke bergauf. Heike übernimmt dann wieder die kurze aber heftige Abfahrt und fährt in die nächste Steigung bis wir sie eingeholt haben, dann wechseln wir und ich fahre das verbleibende Stück bis zum Sattel, Heike zieht sich schnell für die 10 km Abfahrt nach Bischofshofen an und fährt diese -wie gewohnt- mit hohem Tempo bergab. Wir sollten es dann bis 20 Uhr über den Sattel schaffen. Das hat den Vorteil, das Pacecar darf sich noch von der Fahrerin entfernen, es kann also vor fahren um den nächsten Wechsel vorzubereiten. Zwischen 20.00 Uhr und 6:30 Uhr muss die Radfahrerin im Lichtkegel des Autos sein. Sprich beim Wechsel steht nicht nur das Auto sondern auch die Radfahrerin und es geht schlicht und ergreifend Zeit verloren.

Im Tal angekommen hatten wir noch 2 Stunden 45 Minuten für 98 km. Und genau unter Zeitdruck zeigt sich die Stärke eines Teams. Drei Leute 1 Gedanke. Das Wohnmobil muss her - damit können wir die immer pausierende Fahrerin transportieren und das Pacecar kann durchfahren, sprich keine verlorene Zeit beim Wechsel. Um den Plan durchführen zu können musste aber Gepäck verladen werden und das möglichst rasch. Unser Team war der Hammer. Wir konnten gar nicht so schnell schauen, wie umgeräumt war und es für Heike auf dem Rad weiterging. Die letzten 50 km auf dem Rad vergingen wie im Flug und wir hatten sogar noch Zeit die letzten 10 km gemeinsam zu fahren.

Am Ortsschild St. Georgen wurden wir vom Organisationsteam empfangen. Ab hier gibt es keine Zeitnahme mehr. Nach kurzer Pause werden die Fahrer begleitet von einen Motorrad zum eigentlichen Ziel gebracht. Der Hit dabei ist: In St. Georgen ist Dorffest und man fährt durch 3 Bierzelte hindurch, wo einen die Leute feiern und abklatschen. So was habe ich noch nie erlebt, um ehrlich zu sein hatte ich mehr als eine Träne in den Augen. Dem ein oder anderen Teammitglied ging es wahrscheinlich ähnlich.

Zum Schluss noch die Rampe zur Bühne bergauf und wir hatten es geschafft. Wir waren wieder am Ausgangspunkt angekommen. Müde aber überglücklich!

Fazit:

Die drei einhalb Tage waren anstrengend, lehrreich, nass, kalt und trotzdem sehr schön.

Ich möchte diese Erfahrung nicht missen und ich denke da geht es dem gesamten Team so.

Für mich wie für die meisten im Team war dieses Event das erste dieser Art. Ich möchte mich an dieser Stelle bei Thomas bedanken, der uns mit seiner Race Around Austria Erfahrung zur Verfügung stand und auch bei Heike, deren Gedankengänge ich zwar manchmal nicht sofort folgen konnte, die aber immer die Gesamtstrecke im Kopf hatte und trotz der sportlichen Anstrengung immer voraus dachte. Ich glaube wir haben es in den 3 Tagen wirklich geschafft unsere Stärken auszuspielen und die Schwächen (sofern man davon sprechen kann) gegenseitig auszugleichen. Das gilt es jetzt für Amerika zu perfektionieren.

Aus vielen Einzelpersonen (die Meisten kannten sich vor dem Start nicht) wurde in kürzester Zeit ein Team. Das Ergebnis: Alle begleiten uns nach USA.

Was steht als nächstes an? Zunächst ein Treffen, bei dem nochmal die Tage diskutiert werden. Was lief gut, was kann man verbessern?

Planung Amerika, wer übernimmt welche Aufgaben und bis wann?

Wir befinden uns jetzt wieder in der Projektarbeit und diese unterscheidet sich nicht von der täglichen Arbeit, die wir alle kennen.


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© 2015 CW

Team-Fotos: Michael Rauschendorfer

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